Der Untergang kann warten: Wie steht es um unser Kohärenzgefühl in Krisenzeiten?

Die Welt ist gerade oft kein angenehmer Ort. Die politischen Krisen häufen sich, auch die Zahl der Konflikte ist weltweit enorm hoch. Das geht an uns Menschen nicht spurlos vorbei. Dazu kommen private Herausforderungen – vielleicht ist eine Beziehung zerbrochen, jemand hat den Job verloren oder ein Mensch ist krank geworden. Wie gehen Menschen mit all dem um?

Das Kohärenzgefühl spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie Menschen mit schlimmen Erfahrungen umgehen. Diese Theorie wurde in den 1970er Jahren vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelt. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl ist, desto besser gelingt es den Menschen, mit belastenden Erlebnissen umzugehen. Hunderte von Studien belegen mittlerweile diese Erkenntnis. Das Kohärenzgefühl besteht aus drei Säulen:

  1. Verstehen: Ich kann meine Situation und Zusammenhänge zumindest teilweise einordnen.
  2. Handeln: Ich kenne Möglichkeiten & Strategien, um mit Herausforderungen umzugehen.
  3. Sinn: Ich erlebe mein Handeln trotz Anstrengungen als bedeutsam und sinnvoll.

Die Kohärenz-Theorie ist so etwas wie der psychologische Rahmen im Umgang mit Belastungen. Wir können so sehen, wo wir bereits gestärkt sind und auf welcher Ebene vielleicht noch Ressourcen fehlen.

Teste Deine Kohärenz: Im Buch, ausgedruckt oder online

Krisen gibt es aktuell mehr als genug. Das fordert uns Menschen natürlich auch mental heraus. Manchmal kann es deswegen hilfreich sein, das eigene Kohärenzgefühl bewusst zu reflektieren. Dazu gibt es verschiedene Zugänge. Manche Menschen nutzen dafür ein Tagebuch, anderen hilft eine strukturierte Selbstbeobachtung mithilfe einer Skala, um das eigene Erleben besser kennenzulernen. 

Für mein neues Buch „Der Untergang kann warten“ habe ich einen eigenen Kohärenz-Test für gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit entwickelt.

Die Skala ist eine kleine Reflexionshilfe und kein wissenschaftlich validierter Test. Sie wurde eigens für dieses Buch entwickelt, um den eigenen Umgang mit Belastungen und Krisen besser einordnen zu können.

Was die Zahlen sagen: Was gibt uns Halt, wenn die Welt unübersichtlich wird?

Den Online-Fragebogen haben mittlerweile 2,742 Menschen durchgeführt. Das sind natürlich keine repräsentative Werte, aber dennoch reizt es ich als wissenschaftlich ausgebildetete Psychologin zu schauen, was dabei herausgekommen ist.

Kohärenz-Test Auswertung: Verstehen

Ein Ergebnis fällt sofort auf: 95,2 % stimmen der Aussage zu, dass sie sich bei widersprüchlichen Informationen an belastbaren Fakten orientieren. Auch bei zwei weiteren Aussagen ist die Zustimmung sehr hoch. 88,3 % sagen, dass sie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zumindest grob einordnen können. 85,4 % können meistens nachvollziehen, warum bestimmte Situationen sie belasten. 

Diese drei Aussagen stehen bei der Kohärenz-Theorie für die Ebene des Verstehens. Die Personen, die den Test gemacht haben, sehen sich also nach eigener Aussage auf der Dimension gestärkt.

Kohärenz-Test Auswertung: Handeln und Bewältigen

Interessanter wird es bei der Frage, was danach kommt. Denn zwischen Verstehen und Handeln scheint eine Lücke zu liegen. Insgesamt 37.9% sagen, sie würden in Krisen gut auf ihre eigenen Bedürfnisse achten und nur jede zweite Person sagt, dass sie  in belastenden Krisen einen sinnvollen nächsten Schritt für sich findet, wie sie damit umgehen kann. Insgesamt 46,5 % wissen nach eigener Einschätzung, wie sie sich in akuten Belastungssituationen beruhigen oder stabilisieren können.

Gleichzeitig gibt es aber auch Ressourcen: 60,8 % erleben, dass Krisen besser zu bewältigen sind, wenn sie mit anderen gemeinsam handeln. Hier zeigt zeigt sich die Bedeutung von Gemeinschaft.

Kohärenz-Test Auswertung: Sinn und Hoffnung

Noch deutlicher wird es bei zwei anderen Aussagen: Nur 45,8 % haben das Gefühl, dass ihr eigenes Handeln auch in unsicheren Zeiten Bedeutung hat und nur 50,4 % können sich trotz allem eine lebenswerte Zukunft vorstellen.

Fazit: Verstehen und Handeln sind nicht das Gleiche

Schaut man auf die Ergebnisse, erleben Menschen also nicht unbedingt ihre eigene Verstehen als das zentrale Problem im Umgang mit der Gegenwart. Die Fähigkeit, Entwicklungen einzuordnen und Informationen kritisch zu bewerten, ist bei vielen vorhanden.

Viele haben das Gefühl, Informationen einordnen zu können, ihre eigenen Belastungen zu verstehen und zwischen widersprüchlichen Informationen anhand von Fakten zu unterscheiden. Weniger selbstverständlich scheint die Erfahrung zu sein, daraus eine eigene Handlungsmöglichkeit abzuleiten und dann eine Vorstellung davon zu entwickeln, warum dieses Handeln überhaupt von Bedeutung ist.

Das deckt sich auch mit meiner persönlichen Erfahrung: Selbst wenn Menschen theoretisch wissen, warum gewisse Dinge passieren, fehlt es oft an konkreten Optionen, was sie tun können, mit wem sie handeln können und warum es sich lohnt, sich für eine bessere Zukunft zu engagieren.

Passend dazu schließe ich diesen Post mit einer Postkarte, die ich für das Buch „Der Untergang kann warten“ entwickelt habe:

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