Mit Hoffnung gegen die AfD?
Die Zeiten sind für viele Menschen herausfordernd. Krise folgt auf Krise, es gibt kaum Pausen, und viele Entwicklungen schüren Ängste. Die Welt wirkt instabiler als noch vor einigen Jahren. In wenigen Wochen steht in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Landtagswahl an.
Gerade in solchen Zeiten wünschen sich viele Menschen, einfach den Kopf in den Sand stecken zu können oder sich ins Private zurückzuziehen. So wichtig Ruhepausen und Selbstfürsorge sind: Als langfristige Strategie ist Rückzug keine Lösung. Gerade jetzt kann es helfen, den Blick nach vorne zu richten – auch wenn die Zukunft unbedingt nur nicht rosig aussieht.
Hoffnung in belastenden Zeiten
Wenn ich über Hoffnung spreche, bekomme ich oft erst einmal skeptische Blicke. Hoffnung wird häufig als etwas verstanden, das man entweder hat oder eben nicht. Als eine Art frommer Wunsch, dass am Ende schon alles gut werden wird. Aus meiner Sicht greift dieses Verständnis zu kurz.
Der Psychologe Charles Snyder beschreibt Hoffnung in seiner Theorie nicht als bloßen Optimismus. Für ihn besteht Hoffnung aus drei Bausteinen: einem Ziel, Wissen über den Wegen dorthin und der Motivation, auch bei Rückschlägen weiterzumachen.

Hoffnung heißt also nicht, dass wir einfach denken, alles würde schon gut gehen. Hoffnung bedeutet auch nicht, darauf zu warten, dass alles gut wird – sondern selbst daran mitzuwirken.
Snyders Hoffnungstheorie macht deutlich: Hoffnung ist kein passives Gefühl, sie ist eine Handlung. Sie besteht aus einem Ziel, dem Wissen über mögliche Wege und der Motivation, auch dann dranzubleiben, wenn es schwierig wird.
Was hat das nun mit Rechtsextremismus und der AfD zu tun?
In den vergangenen Jahren gab es viele Initiativen, um die Demokratie zu stärken. Viele davon waren wichtig und sinnvoll. Gleichzeitig fehlte es häufig an einer langfristigen strategischen Perspektive. Genau hier kann Snyders Theorie helfen, weil sie einen Rahmen bietet, um über wirksames Handeln nachzudenken.
❶ Am Anfang steht das Ziel. Wer möchte, dass die Demokratie gestärkt und die Zustimmung zu rechtsextremen Parteien zurückgeht, braucht zunächst Klarheit darüber, worauf er oder sie eigentlich hinarbeitet.
Dafür ist es manchmal sinnvoll, die eigenen Werte noch einmal präsenter zu haben. Werte sind unsere grundlegenden Glaubenssätze, die uns zeigen, was uns wirklich wichtig ist. Der Werte-Test von „Ein guter Plan“ ist eine Möglichkeit, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen:
❷ Um dieses Ziel zu erreichen, können unterschiedliche Wege genommen werden. Man kann beispielsweise versuchen, Menschen zu erreichen, die rechtsextreme Parteien wählen, und aufzuzeigen, wie sehr diese Politik oft auch ihren eigenen Interessen schadet. Man kann über die Gefahren des Rechtsextremismus aufklären durch Monitoring, Bildungsarbeit oder Berichte. Man kann Initiativen gründen, die zum Wählen aufrufen. Oder man versucht die schweigende Mehrheit dazu zu motivieren, selbst aktiv zu werden. All diese Ansätze verfolgen letztlich dasselbe Ziel. Nur eben auf unterschiedlichen Wegen.
Der nächste Schritt besteht darin, den eigenen Zugang zu finden. Welche Möglichkeiten passen zu den eigenen Fähigkeiten, Interessen und Ressourcen? Wer gerne Veranstaltungen organisiert, wird vermutlich einen anderen Beitrag leisten als jemand, der lieber zuhause vom Rechner aus recherchiert, Daten auswertet oder digitale Projekte umsetzt. Wer nur ein bis zwei Stunden im Monat zur Verfügung hat, plant Engagement besser als die Person mit viel freier Zeit.
Ebenso wichtig ist die Frage, welche Ansätze erfolgversprechend erscheinen. Dafür kann man Artikel lesen oder im eigenen Umfeld fragen: Was hat in der Vergangenheit funktioniert? Was eher nicht? Was lässt sich aus den Erfahrungen anderer Engagierter, aus der Forschung oder aus Beispielen aus anderen Ländern lernen? Dieses Wissen kann helfen, sinnvolle Ansätze zu nutzen oder alte Fehler nicht zu wiederholen.
Das Radio-Feature „Angermünde und anderswo“ entstand 1999 und beleuchtete die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ in der uckermärkischen Kleinstadt Angermünde. Für Folge 2 kehrten die die Autoren 25 Jahre später wieder zurück und schauten, wie sich die Stimmung und die Zivilgesellschaft verändert hatte. Ich finde das Feature gibt einen guten Einblick, wie Engagement gut funktionieren kann.
❸ Natürlich wird niemand die Demokratie allein und dann noch innerhalb einer Woche retten. Demokratisches Engagement ist ein langfristiges Vorhaben. Es wird Phasen geben, in denen man das Gefühl hat, nichts zu bewirken. Es wird Rückschläge geben, Konflikte mit anderen Engagierten oder Momente, in denen die eigene Strategie infrage steht.
Gerade deshalb ist der dritte Baustein der Hoffnung so wichtig: die Motivation, auch in schwierigen Phasen dranzubleiben. Dazu gehört, mit Rückschlägen umgehen zu lernen, sich mit anderen zu vernetzen, soziale Unterstützung zu suchen und auch außerhalb des Engagements andere Ressourcen zu haben.
Snyders Hoffnungstheorie ist kein Zaubermittel gegen die AfD. Sie macht die Demokratie nicht automatisch widerstandsfähiger. Aber sie bietet einen hilfreichen Rahmen: Sie hilft dabei, sich über das eigene Ziel klar zu werden, passende Wege zu finden und die Motivation aufrechtzuerhalten, wenn es schwierig wird.
Genau deswegen ist Hoffnung wichtig. Sie ist nicht der Glaube, dass am Ende alles gut ausgeht, sondern die mutige Entscheidung, trotz aller Unsicherheit weiter an einer besseren Zukunft zu arbeiten.
